
Dreigliederung und Parteien
Über die Unmöglichkeit einer inhaltlichen und formalen Zusammenarbeit mit rechtsradikalen Organisationen.
Dieser Beitrag legt dar, warum eine inhaltliche und formale Zusammenarbeit mit rechtsradikalen Organisationen im Rahmen der Dreigliederungsbewegung nicht möglich ist – nicht aus taktischen Gründen, sondern aus dem Wesen der Dreigliederung selbst.
Die Dreigliederung ist nicht unpolitisch – sie ordnet das Politische
Wer die Dreigliederung an eine Partei herantragen will, muss sich zuerst klarmachen, wo bei Steiner das Politische seinen Ort hat. Die Antwort ist eindeutig: im Rechtsleben. Dort gilt Gleichheit, dort wird demokratisch entschieden. Steiner fordert ausdrücklich einen demokratischen Rechtsstaat, der Menschenrechte schützt, aber das Geistesleben nicht kontrolliert.[1] Demokratie hat bei ihm eine Aufgabe und eine Grenze: Sie ist im Rechtsleben richtig, nicht im Kultur- oder Wirtschaftsleben.[2]
Die Dreigliederung ist also kein Rückzug aus der Politik. Sie ist eine Ordnung, die dem Politischen seinen Platz zuweist – und es daran hindert, über Schulen, Wissenschaft, Kunst oder Unternehmen zu herrschen.
Genau hier liegt das Problem der Parteien. Steiner hat sich 1920 in einem eigenen Vortrag mit ihnen befasst: „Politische Parteien und ihr übersinnliches Gegenbild“. Er beschreibt Parteien dort als Ausdruck gesellschaftlicher Einseitigkeit und fordert, parteiliche Interessen zugunsten geistiger Impulse zu überwinden; als Gefahr nennt er eine Mechanisierung und Entseelung des Sozialen durch Parteien.[3] Eine Partei ist ihrem Wesen nach ein Teil, der für das Ganze sprechen will. Die Dreigliederung dagegen fragt, welcher Bereich wofür zuständig ist.
Diese Gefahr war schon in der Gründungszeit bewusst. In den Stuttgarter Frageabenden des Bundes für Dreigliederung vom Frühjahr 1919 wird die „Vereinnahmung durch Parteien“ ausdrücklich als Risiko für die junge Bewegung benannt.[4] Und die Zusammenfassung der „Kernpunkte der sozialen Frage“ beschreibt Steiners Anliegen als Aufruf zu verantwortlichem Handeln jenseits von Ideologien und Parteiprogrammen.[5]
Dabei war Steiner keineswegs unpolitisch. Zwischen 1917 und 1921 engagierte er sich intensiv für die Neugestaltung des sozialen Organismus: mit dem öffentlichen Aufruf „An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!“, dem Bund für Dreigliederung, Frage- und Studienabenden, eigenen Unternehmen und Kursen für Redner.[6] Er sprach vor Arbeitern, Betriebsräten und Unternehmern. Aber er tat dies als freier Mensch, der Gedanken in die Öffentlichkeit trug – nicht als jemand, der sich einer Parteistruktur andiente.
Was aber ist mit der Freiheit des Einzelnen, der so handelt? Die Philosophie der Freiheit (GA 4) gibt darauf eine differenzierte Antwort. Steiner beschreibt die freie Tat als Handlung aus moralischer Intuition – ein individuell ergriffener Gedanke, getragen von Liebe zur Sache. Dazu gehören drei Elemente: die moralische Intuition (die Idee selbst, aus dem Denken geschöpft), die moralische Imagination (die Fähigkeit, das Allgemeine auf die konkrete Situation anzuwenden) und die moralische Technik (das Wissen, wie man handelt). Jeder Mensch hat das Recht, aus eigener Überzeugung zu handeln – das steht außer Frage. Aber eine „in Liebe getauchte Intuition“ verlangt Wirklichkeitsgemäßheit: Die Intuition muss der Sache und der Situation angemessen sein. Wer eine Gießkannen-E-Mail an Parteifunktionäre schickt, zeigt gerade nicht das individuelle Eingehen auf den konkreten Menschen, das Steiner als Kennzeichen freien Handelns beschreibt. Die Technik widerspricht dem Inhalt. Wohlmeinen ohne Erkenntnis ist bei Steiner gerade nicht die freie Tat – es ist ihre Vorstufe: der gute Wille, der noch nicht zum Wissen durchgedrungen ist.

Der Blick zurück: Steiners Urteil von 1923
Der Historiker Walter Kugler hat Steiners Verhältnis zur Politik gründlich untersucht. Bereits in den Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft von 1913 heißt es, dass „alle Arten politischer oder sozial-politischer Wirksamkeit“ von der Gesellschaftstätigkeit ausgeschlossen sind. Die Statuten der Weihnachtstagung 1923 bekräftigen das: „Die Politik betrachtet sie nicht als in ihren Aufgaben liegend.“
Steiner selbst kommentierte diesen Passus am 24. Dezember 1923: Er werde gebraucht, weil in der Dreigliederungszeit vielfach der Anschein entstanden sei, die Anthroposophie wolle sich in die politischen Angelegenheiten einmischen. Es sei „von vornherein ein Fehler einiger Freunde“ gewesen, „dass die Dreigliederungssache an die politischen Parteien herangebracht worden ist“.
Dieser Satz verdient es, zweimal gelesen zu werden. Steiner spricht nicht von einer bestimmten Partei, sondern von „den politischen Parteien“. Wer heute meint, es komme nur auf die richtige Partei an, kann sich auf ihn nicht berufen.
Die konsequente Frage lautet deshalb nicht nur, ob die Dreigliederung als Programmpunkt einer bestehenden Partei missbraucht werden darf. Sie lautet auch: Sollte man eine eigene „Partei der Dreigliederung“ gründen? Die Antwort ergibt sich aus dem Gesagten. Eine Partei – gleich welcher Ausrichtung – ist eine Machtstruktur des Rechtslebens. Sie will den Staat gestalten. Die Dreigliederung dagegen will die Verhältnisse zwischen den drei Bereichen ordnen – und das kann keine Partei leisten, weil sie selbst nur in einem der drei Bereiche steht. Wer eine Dreigliederungspartei gründet, unterwirft eine Idee, die alle drei Glieder umfasst, der Logik eines einzigen. Das Ergebnis wäre nicht die Dreigliederung im Staat, sondern der Staat in der Dreigliederung – genau die Einheitsstruktur, die sie überwinden will.
Die strukturelle Unvereinbarkeit – Dreigliederung und Parteien
Die Dreigliederung ordnet den drei Bereichen drei Prinzipien zu: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben.[7] Steiner übernimmt damit die Ideale der Französischen Revolution und gibt jedem seinen eigenen Ort; erst so seien sie gemeinsam verwirklichbar.[7] Rechtsradikale Organisationen wie die AfD widersprechen jedem einzelnen dieser Prinzipien – nicht in Nebensätzen, sondern in ihrer Grundstruktur.
Geistesleben: Freiheit statt Leitkultur. Die Dreigliederung fordert ein freies Geistesleben – frei von staatlicher Bevormundung. Bildung, Wissenschaft, Kunst, Medien und Religion entfalten sich aus der Initiative freier Menschen, nicht aus nationalen Vorgaben. Steiner warnt, dass ein staatliches Monopol über das Geistesleben zu Unfreiheit führt[8], und er hat die Dreigliederung ausdrücklich als Gegenentwurf zum Einheitsstaat entwickelt, der Kultur, Recht und Wirtschaft gleichermaßen unter seine Kontrolle bringt.[9] Wenn gefordert wird, dass „die deutsche Kultur in Deutschland“ von „staatlichen Behörden“ gepflegt werden solle, dann ist das keine Dreigliederung. Es ist ihr Gegenteil: die Unterordnung des Kulturlebens unter den Staat. Nationale Kultur hat in der Dreigliederung durchaus einen Platz – im freien Geistesleben, getragen von Menschen, nicht verordnet vom Staat.[10]
Rechtsleben: Gleichheit statt Ausgrenzung. Im Rechtsleben gilt die Gleichheit aller Menschen – nicht als abstraktes Ideal, sondern als konkrete Rechtsgestaltung. Maßstab des Rechts ist bei Steiner die Menschenwürde.[11] Wer von „Immigrationsflut“ spricht und „Störlinge hinauskomplimentieren“ will, bewegt sich nicht im Feld der Gleichheit, sondern im Feld der Selektion. Björn Höcke erklärte 2018: „Wir entscheiden uns, Wolf zu sein.“ Der Jurist Hendrik Cremer stellte dem den Satz von Goebbels gegenüber: „Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir.“ Wer solchen Akteuren die Dreigliederung als Werkzeug anbietet, macht sich zum Lieferanten für ein Projekt, das die Menschenwürde programmatisch untergräbt.
Wirtschaftsleben: Geschwisterlichkeit statt Nationalismus. Die Dreigliederung denkt Wirtschaft grundsätzlich überstaatlich. Steiner beschreibt die Weltwirtschaft als eigene Größe, die über die Nationalwirtschaften hinausgeht, und nennt nationale Egoismen und Konkurrenzdenken als ihre Gefahr.[12] Die drei Glieder sollen auch zwischen den Staaten eigene, international vernetzte Beziehungen pflegen – Frieden durch Zusammenarbeit statt Machtpolitik.[13] Nationalismus gilt ihm als zersetzende Kraft und als Hindernis für sozialen Frieden; der Weg führe „vom Nationalismus zum Internationalismus“.[14] Nationale Abschottung ist das strukturelle Gegenteil geschwisterlichen Wirtschaftens.
Die Sprache
Steiner hat dieses Problem erkannt. 1919 hielt er einen Vortrag über „Das Heraufkommen der Phrase“: Die formelhafte, mechanische Sprache sei ein Symptom geistiger Erstarrung und führe zu Manipulation und geistiger Unfreiheit.[15] Wer von „Immigrationsflut“ schreibt, rahmt Migration als Naturkatastrophe. Wer von „Störlingen“ spricht, die „hinauskomplimentiert“ werden sollen, erfindet einen neuen Euphemismus für Ausgrenzung. Der Kampfbegriff „Remigration“ ist darin bereits angelegt, auch wenn er nicht ausgesprochen wird.
Als Steiner 1921 Menschen schulte, die öffentlich für die Dreigliederung sprechen wollten, nannte er zwei Grundbedingungen: einsichtsvolle Liebe zur Sache und einsichtsvolle Menschenliebe.[16] Beides fehlt einer Sprache, die Menschen in Kategorien einteilt. Die Dreigliederung braucht eine eigene Sprache – eine, die nicht spaltet, sondern unterscheidet; die nicht Gruppen beschreibt, sondern die Verhältnisse, die das Zusammenleben prägen.
Der eigenständige Weg der dreigliederung
Wenn die Dreigliederung nicht in Parteistrukturen gehört – wie erreicht sie dann die Menschen, die nach Alternativen suchen?
Steiners eigene Antwort nach den Erfahrungen von 1919 und 1920 war nicht der Weg in die Parteien, sondern die Arbeit an der Vermittlung. Die Bewegung hatte Missverständnisse, Widerstände und Resignation erlebt; 1920 folgte eine nüchterne Analyse des Scheiterns, 1921 die Schulung von Rednern.[20] Seine Willensimpulse richten sich an den Einzelnen: Eigenverantwortung, Engagement jedes Einzelnen, Selbstverwaltung statt Zentralismus.[21] Politische Parteien waren für ihn ein Ausdruck von Einseitigkeit, und als Konsequenz nannte er die Notwendigkeit individueller Mitgestaltung.[3]
Die Dreigliederung wirkt dort, wo Menschen beginnen, ihre konkreten Lebensverhältnisse aus dem Geist der drei Prinzipien heraus zu gestalten. Die erste Waldorfschule von 1919 ist dafür das bekannteste Beispiel; Steiner sah in der Erziehung eine Keimzelle gesellschaftlicher Veränderung.[22] Heute zeigt sich derselbe Impuls in freien Schulen und Hochschulen, in Unternehmen, die Verantwortungseigentum praktizieren, in solidarischer Landwirtschaft und in Initiativen, die das Rechtsleben aus der Gleichwertigkeit aller Menschen heraus gestalten wollen.
Die Dreigliederung ist keine Ideologie, die man verteilen kann wie Flugblätter. Sie verlangt ein anderes, wirklichkeitsnahes Denken, das den Menschen verändert, der sich darauf einlässt – und durch ihn die Verhältnisse.
Der Impuls der Dreigliederung braucht keine parteipolitische Bühne. Er braucht Menschen, die ihn leben. Die Frage ist nicht, wie viele Millionen davon hören, sondern wie tief die Einzelnen ihn ergreifen.
Der sich entwickelnde Mensch als Maßstab
Im Zentrum der Dreigliederung steht der Mensch als freies, gleichberechtigtes und brüderliches Wesen.[23] Daran muss jede Aktion gemessen werden, die in ihrem Namen unternommen wird.
Einer Organisation die Hand zu reichen, deren führender Vertreter sich zum „Wolf“ erklärt – das ist mit einem am Menschen orientierten Handeln nicht vereinbar. Nicht unter bestimmten Umständen. Nicht mit dem besten Willen. Nicht einmal in der gut gemeinten Hoffnung, einzelne suchende Menschen zu erreichen.
Denn die Hoffnung, eine solche Organisation von innen heraus zu verändern, ist nicht nur naiv. Sie verkennt, was Parteien sind. Parteistrukturen sind Machtstrukturen; wer sich ihnen anbietet, droht von ihnen geformt zu werden – nicht umgekehrt. Der Einzelne hat dabei volle Freiheit. Aber er handelt mit Folgen für sein Umfeld und für die Sache, deren Namen er trägt.
Die Dreigliederung gehört in die Hände freier Menschen. Ihr politischer Ort ist ein demokratisches Rechtsleben, in dem alle gleich sind – nicht die Programme von Parteien. Und schon gar nicht die Strukturen derer, die den Wolf im Menschen wecken wollen, wo es den aufrechten Gang zu lernen gälte.
Beuys und die Grünen: Der Prüfstein
Joseph Beuys ist der wichtigste Prüfstein für diese These. Er war ein glühender Vertreter der Dreigliederung, hat mit der „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“, der Free International University und zahllosen öffentlichen Aktionen für sie gekämpft – und er hat 1980 die Grünen mitgegründet.
Hat er sich damit im Sinne des hier Gesagten vergangen? Nein – aber seine Erfahrung bestätigt die These auf eine Weise, die er selbst bitter erlebt hat.
Beuys hat die Dreigliederung nicht an eine bestehende Partei herangetragen. Er hat versucht, etwas Neues aus dem Impuls heraus zu schaffen – öffentlich, mit eigenem Namen, eigener Sprache, eigenem Risiko. Im Sinne der Philosophie der Freiheit war das eine Handlung aus moralischer Intuition: die Idee der Sozialen Plastik, die Imagination, Kunst als Gesellschaftsgestaltung zu denken, und die Technik eines Künstlers, der sich der Öffentlichkeit aussetzt. Das war kein Wohlmeinen ohne Erkenntnis. Das war ein Ringen.
Und doch scheiterte er an genau dem, was dieser Artikel beschreibt. 1983 wurde Beuys auf einen aussichtslosen Listenplatz gesetzt. Die Parteilogik – Mehrheiten, Flügel, Machtverteilung – absorbierte den Impuls und neutralisierte ihn. Die Grünen wurden nicht zur Dreigliederungspartei. Sie wurden eine Partei wie andere auch, mit eigener Einseitigkeit und eigenen Machtkämpfen.
Das Bleibende von Beuys‘ Wirken für die Dreigliederung sind nicht die Grünen. Es sind die 7000 Eichen, die Free International University, der erweiterte Kunstbegriff – alles Initiativen außerhalb von Parteistrukturen, im freien Geistesleben. Wenn selbst ein Beuys die strukturelle Unvereinbarkeit von Dreigliederung und Partei nicht überwinden konnte, dann liegt das nicht an mangelndem Mut oder mangelnder Genialität. Es liegt daran, dass die Unvereinbarkeit keine Frage der Person ist, sondern eine der Struktur.
Oktober 2026, Rainer Monnet, monnet.biz
Referenzen
[1] GA 334, Kap. 10 „Rechtsstaat und freies Geistesleben“.
[2] GA 332a, Kap. 3.
[3] GA 199, Kap. 2 „Politische Parteien und ihr übersinnliches Gegenbild“.
[4] GA 337a, I.2, Zweiter Frageabend, 30. Mai 1919.
[5] GA 23 (Die Kernpunkte der sozialen Frage, 1919).
[6] GA 332b, Kap. 1–7; GA 337a, I.1–II.7; GA 338; GA 339.
[7] GA 333, Kap. 3; GA 186, Kap. 12.
[8] GA 333, Kap. 3.
[9] GA 334, Kap. 11; GA 23, Kap. II.
[10] GA 336, Vortrag 10.
[11] GA 199, Kap. 12.
[12] GA 340, Kap. 8–9; GA 341, Kap. 1.
[13] GA 23, Kap. IV.
[14] GA 338, Kap. 5; GA 332a, Kap. 6.
[15] GA 193, Vortrag 6.
[16] GA 338, Kap. 1.
[17] GA 328, Kap. 6; GA 329, Vortrag 8; GA 340, Kap. 5.
[18] GA 23, Kap. III.
[19] GA 340, Kap. 11; GA 332a, Kap. 2; GA 341, Kap. 6.
[20] GA 332b, Kap. 3 u. 5; GA 337a, II.2; GA 338; GA 339.
[21] GA 334, Kap. 8 u. 11; GA 23, Kap. II.
[22] GA 199, Kap. 1.
[23] GA 333, Kap. 3.
